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"Als wäre es erst gestern gewesen" - vor 40 Jahren starb Jochen Rindt

(c) Motorshow Essen
Jochen Rindt kurz vor seinem tödlichen
Unfall 1970 in Essen

"Wir haben uns dauernd gegenseitig besucht, haben miteinander gespielt, geblödelt und Ferien gemacht", erinnert sich ein Freund von Jochen Rindt. "Da war noch Kameradschaft". Der Freund ist Jackie Stewart. Die beiden Rennfahrer lebten 300 Meter von einander entfernt am Genfer See. Sie bildeten Fahrgemeinschaften zu einzelnen Rennen, wo sie sich dann Rad-an-Rad-Duelle lieferten.

1969 wurde der Stewart zum ersten Mal Weltmeister. Doch den meisten Beobachtern der Formel 1-Szene war klar: Rindt war der Schnellere von beiden. Im Jahr darauf, Stewart erlebte mit Tyrrell eine Übergangssaison vom Matra-Chassis zum Team-eigenen Monoposto, bestimmte Rindt die Saison. Von Tourenwagen-Rennen hatte er sich über die Formel Junior und die Formel 2 hochgearbeitet. Mit 22 bestritt er sein erstes Formel 1-Rennen. Mit 24 stand er zum ersten Mal auf dem Podium eines Grand Prixs, als Zweiter in Spa hinter Weltmeister John Surtees nach langer Führung. 1970 dann der erste Sieg. In Monaco distanziert er Jack Brabham mit über 23 Sekunden. Es folgen Zandvoort, wo er seinen Freund Piers Courage verliert, Clermont-Ferrand in Frankreich, Brands Hatch und Hockenheim. Im badischen Motodrom liefert er sich ein packendes Duell mit einem großen Talent: der 25jährige Jacky Ickx im Ferrari. Vor dem Rennen auf der Hochgeschwindigkeitspiste hatten die Fahrer festgelegt, "an welchen Stellen wir sicher und mit Vernunft überholen können - und wo nicht". Der Erfolg beim Großen Preis von Deutschland sollte Rindts letzter Sieg bei einem Großen Preis sein. Er gewann noch ein Formel 2-Rennen auf dem Salzburgring. Wegen seiner 12 Siege in der Formel 2-Europameisterschaft und vieler nationaler Erfolge in England, Frankreich und seiner Heimat nannte man den Österreicher längst "König der Formel 2".

Am 5. September 1970 nahm die Laufbahn ein jähes Ende. Im Training zum Großen Preis von Italien in Monza starb Jochen Rindt in seinem Lotus 72. An der Konstruktion von Leichtgewichtsfanatiker Colin Chapman brach beim Anbremsen aus 300 Kilometern pro Stunde eine Bremswelle. Der Wagen brach schlagartig nach links und prallte auf einen Pflock der Leitplanke. Er rutschte durch den Aufprall nach unten. Das scharfkantige Armaturenbrett schlitzte die Halsschlagader auf. Einen Rettungshubschrauber gab es noch nicht. Der Krankenwagen, der helfen sollte, das Leben des angehenden Weltmeisters zu retten, versumpfte in der Mailänder Rushhour.

c) Motorshow Essen
Hommage an den Formel 1 Weltmeister
auf der Essener Motorshow 1970

"Rindt war mein Idol", erinnert sich Schauspieler Tobias Moretti, damals 10 Jahre alt. "Ich hab' wochenlang geweint". Der 21jährige Nikolaus Lauda befand sich gerade in Zolder für ein Formel 3-Rennen. "Jemand kommt zu mir und sagt: `Du, der Rindt ist gerade in Monza verunglückt´. Ich hab' ihn beschimpft, ihm kein Wort geglaubt, aber dann das Radio aufgedreht". Lauda kann sich auch noch an die erste von wenigen Begegnungen erinnern. Es war anläßlich der ersten Jochen-Rindt-Show in Wien. "Er ist richtig nett", urteilt der spätere dreifache Weltmeister. Später lobt er Rindts Fahrzeugbeherrschung und immer wieder das Charisma. Dabei erwähnt Lauda Rindts "fürchterlichen bodenlangen Pelzmantel, in dem jeder andere wie ein Idiot gewirkt hätte - aber er, der Rindt, hat irgendwie gut ausgeschaut damit".

Jochen Rindt wurde am 18.4.1942 in Mainz geboren. Sein Vater betreibt eine Gewürzmühle. Als Jochen 15 Monate alt ist, kommen seine Eltern bei einem Fliegerangriff auf Hamburg ums Leben. Der kleine Rindt ist Vollwaise und wird von den Eltern seiner Mutter in Graz aufgezogen. Mit 15 bestreitet er seine ersten privaten Rennen auf einem Moped. Unter seinen Mitstreitern: ein gewisser Helmut Marko. Zur Matura bekommt er sein erstes Auto geschenkt: einen Simca Aronde. 1962 gewinnt er in einem Alfa sein erstes Rennen. Im Jahr darauf der erste internationale Erfolg beim Formel Junior-Rennen in Cesenatico (I). 1964 kauft er sich vom Geld aus dem Verkauf der väterlichen Gewürzmühle einen Brabham-Formel 2 und gewinnt in Crystal Palace gegen Weltmeister Graham Hill. Auf dessen Parties im heimischen Mill Hill ist Rindt später Stammgast. 1965 gewinnt Jochen Rindt mit Masten Gregory die 24 Stunden von Le Mans in einem Ferrari 250LM. In der Formel 1 ist er Cooper-Werksfahrer neben Bruce McLaren. Über die Zwischenstation Brabham wechselt Jochen Rindt 1969 zu Colon Chapman. Der Österreicher setzt sich mehrfach gegen die Wünsche seines Teamchefs zur Wehr. So weigert er sich den unausgereiften Formel 1 mit Vierradantrieb zu fahren. Für Monza 1970 besteht er auf dem älteren, aber stabileren Modell 49C. Aber Chapman besteht auf dem Einsatz seiner neuen Konstruktion mit der Keilform-Karosse, dem Typ 72. Was Rindt nie erfuhr: die Bremswellen waren innen hohl. Ein kleiner Kratzer in dem Teil sorgte für das Brechen und den Tod eines Idols.

"Aber mir ist immer noch, als wäre es erst gestern gewesen", sagte ein Freund von Jochen Rindt, sagte Jackie Stewart. Daran hatte sich auch zum 40. Todestag nichts geändert. Aber eines hat sich geändert: einer wie Rindt hätte in der Formel 1-Szene von heute kaum eine Chance. Ein Typ mit Wuschelfrisur, einer Nase ähnlich der eines Boxers oder Raubvogels und dem schmalen Mund, mit dem er seinem Teamboss auch schon mal ein klares "Nein" entgegenschleuderte. "Aber war gut einfach gut - das hat er gezeigt. Ein richtig guter Typ", sagt Niki Lauda.

Die Zitate und Schilderungen sind dem äußerst empfehlenswerten Buch von Heinz Prüller entnommen: "Jochen Rindt. Der James Dean der Formel 1". Der österreichische Journalist begleitete das Renn-Idol während seiner Karriere.

 
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