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Das älteste Auto der Welt - Carl Benz und sein Patent-Motorwagen

Patentschrift von 1886

Carl Benz stellte die erste Version des Patent-Motorwagens 1886 vor und baute danach mehrere dieser dreirädrigen Fahrzeuge in unterschiedlichen Versionen, insgesamt etwa 25 Stück. Das Modell I - der ursprüngliche Patent-Motorwagen - hat Stahlspeichenräder und weist konstruktive Details eines bereits damals hochmodernen Fahrradbaus auf. Dennoch tüftelte Carl Benz weiter an seiner Erfindung. Das modifizierte Modell II entstand ursprünglich ebenfalls als Dreirad, wurde dann aber versuchsweise auf vier Räder umgebaut. Der Wagen ist inklusive der Achsschenkellenkung, die in ihm erprobt wurde, ein weiterer wichtiger Schritt hin zum modernen Automobil. Vermutlich hat es nur ein Exemplar gegeben. Das erste Automobil, das in geringen Stückzahlen letztendlich verkauft wurde, war aber erst das Modell III. Der Kunde konnte zwischen unterschiedlichen Aufbauten wählen. Eine zusätzliche Vis-à-vis-Sitzbank und damit die Aufstockung auf vier Sitzplätze war ebenso möglich wie ein Faltverdeck. Die Ausrüstung mit Holzspeichenräder, die auf der hinteren Antriebsachse mit Stahl beringt sind und vorne mit Vollgummi belegt, war für alle Verkaufsmodelle gleich.

Werbung für die Erfindung

Doch die Vermarktung und der Verkauf der Erfindung waren nicht leicht. Erst als der Franzose Emile Roger aus Paris den ersten Auslandsvertrieb übernahm, kam das Geschäft ins Rollen. Über den Vertriebsweg Paris gelangte auch das älteste im Orginalzustand erhaltene Exemplar der Version III über Paris nach England, wie eine Plakatte am Fahrzeug beweist. Der heute im Besitz des Science Museum in London befindliche Patent-Motorwagen wurde vermutlich 1888 von Benz gebaut und wohl im selben Jahr in München am Isartor anlässlich der Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung gezeigt. Dieses Fahrzeug ist der älteste im Originalzustand erhaltene Benz Patent-Motorwagen und damit zugleich das älteste originale Automobil. Außerdem ist er mit großer Wahrscheinlichkeit das erste Fahrzeug mit Benzinmotor, das in England betrieben worden ist. Er hat die Vis-á-vis-Sitzbank und ursprünglich auch ein Leder-Faltverdeck. Es ist unbekannt, an wen Roger das Fahrzeug verkaufte. Als sicher gilt, dass er das Modell III mit seiner interessanten Technik auf der Weltausstellung 1889 in Paris präsentierte.

Der Einzylinder-Viertaktmotor ist liegend über der Hinterachse angebracht (Hubraum 1,7 Liter, Bohrung x Hub: 116 x 160 Millimeter), bei 250/min entwickelt er nach ursprünglicher Spezifikation eine Leistung von 2 PS (1,5 kW). Leicht andere Werte zeigt das Fahrzeug des Science Museum auf dem Messstand: Bei der Restaurierung im Jahr 1957 stellen die Fachleute fest, dass die Kompressionsrate des Motors 3:1 beträgt und die höchste Drehzahl bei 450/min liegt. Das lässt auf eine Motorleistung von rund 3 PS (2,2 kW) schließen. Die Kurbelwelle steht senkrecht, weil Carl Benz bei der Konstruktion des Fahrzeugs annahm, dass die Kreiselbewegung eines vertikal angeordneten Schwungrads die Lenkbarkeit des Fahrzeugs negativ beeinflussen würde - eine Konstruktion, die 1890 ad acta gelegt wurde.

Benz Patentmotorwagen Version III

Das Schwungrad ist am unteren Ende der Kurbelwelle angebracht und auf einer Quertraverse des Chassis gelagert. Am oberen Ende der Kurbelwelle ist ein schräg verzahntes Ritzel angebracht, das über ein identisches, vertikal angebrachtes Ritzel eine Welle antreibt. Diese trägt an ihrem Ende eine Riemenscheibe, welche wiederum mit der Gangwahl verbunden ist. Das Fahrzeug hat zwei Gänge, die über ein Kettengetriebe geschaltet werden. Von der gleichen Welle wird über einen Paralleltrieb mit halber Geschwindigkeit die Nockenscheibe zur Steuerung der Ventile und der Zündung angetrieben. Ein Oberflächenvergaser stellt das explosive Gas-Luft-Gemisch zur Verfügung, der Benzintank befindet sich unter der hinteren Sitzbank. Eine Zündkerze sorgt für den Zündfunken, dessen elektrische Energie von einer Zündspule plus Batterie stammt. Der Einzylinder ist wassergekühlt: Das Wasser gelangt aus einem Vorratsbehälter unter der hinteren Sitzbank in die Zylinderhausung und verdampft schließlich. Das einzelne Vorderrad wird über eine senkrecht stehende Drehkurbel gelenkt. Zwei Stahlrohre verbinden den Steuerkopf mit der Hinterachse und formen so einen Unterrahmen, von dem aus drei Vollelliptik-Blattfedern (die vordere quer zur Fahrtrichtung) die aus Holz gefebei Fahrzeugen mit Vis-à-vis-Sitzbank ist es vorn nach oben gezogen. Ein querlaufender T-Träger fängt den Motor ab. Die Bremsen wirken auf die Hinterräder und sind mit Holz belegt; sie werden über einen Kurbelmechanismus betätigt, an dessen Gestänge parallel der Ganghebel läuft. Das Fahrzeug wird von der hinteren Sitzbank aus gesteuert.

Carl Benz (vorn) zusammen mit Friedrich
von Fischer, gleichfalls Mitglied der
Geschaeftsfuehrung bei Benz & Cie

Wahrscheinlich sah der englische Käufer das Fahrzeug in Paris und brachte das Technikwunder mit auf die Insel. Das Science Museum kaufte es 1913 für fünf Pfund von einer Miss E. B. Bath aus King's Lynn inNorfolk. Diese hatte den Benz von ihrem Bruder erhalten, der in der Automobilbranche tätig war. Der Kauf wird von Mr. E. A. Forward vom Science Museum abgewickelt, der dem Museumsvorstand in einem Brief im April 1913 zum Kauf rät: "Dieses Auto ist ein wertvolles historisches Relikt, und ich bezeichne es als großartigen Fund. […] Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, ein Exemplar irgendwo zu erstehen, und bin sehr erstaunt, eines in diesem Land zu finden." Forward ordnete das Fahrzeug sehr exakt in die Benz- und die Automobilgeschichte ein und schlussfolgert: "Die Verdienste von Carl Benz für die Entwicklung des modernen Autos waren so bedeutsam, gleichbedeutend mit denen von Daimler, dass es vollkommen gerechtfertigt ist, ein Exemplar des ersten Fahrzeugtyps zu erwerben." Forward betreute das fahrbereite Fahrzeug auch in den Jahren nach dem Kauf. 1936 fuhr Forward sogar einmal wöchentlich vor dem Museum auf und ab, um die Eigenschaften des Patent-Motorwagens zu demonstrieren. Dazu wurde dieser dauerhaft zugelassen und erhielt das Nummernschild "A 250".

Nach einer kompletten Überholung in der museumseigenen Werkstatt 1957 begab sich der Patentwagen im gleichen Jahr an den Start des "London to Brighton Veteran Car Run", an dem nur Fahrzeuge bis Baujahr 1905 teilnehmen dürfen. Leider kam der Wagen nach einer Kollision und einem damit verbundenen Schaden an der Vorderradgabel nicht ins Ziel. Bei einer bis dahin problemlosen Fahrt über 22 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 km/h eine große Enttäuschung, die im darauffolgenden Jahr in einen Triumph umgewandelt werden sollte. Mit Erfolg. Ausgestattet mit einer Bandbremse - nur für diese eine Fahrt - meisterte der Benz alle Anhöhen, wobei bergauf mal der Beifahrer absteigen musste, mal bergab das Fahrzeug vorsichtig von Hand geschoben wurde. Viermal hielt das Auto, um Benzin und Wasser nachzufassen, einmal wurde der Hauptantriebsriemen gewechselt. "Um 2.40 Uhr war der Madeira Drive [in Brighton] erreicht", notierte der Fahrer Caunter vom Science Museum. Der Benz Patent-Motorwagen hatte in 6 Stunden und 25 Minuten reiner Fahrzeit rund 90 Kilometer hinter sich gebracht, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 14 km/h entspricht, die übrige Zeit war für die Versorgungsstopps notwendig gewesen. Eine sehr erfolgreiche letzte Fahrt bevor der Patent-Motorwagen seinen Platz in der ständigen Ausstellung des Science Museum fand.

In Deutschland ist der Benz-Patentmotorwagen aus England bis voraussichtlich November 2008 zu sehen. Die erste Station wird das Dr. Carl Benz Museum in Ladenburg sein. Der erste - allerdings aus Originalteilen rekonstruierte Patentwagen von 1886 - ist seit 1906 im Deutschen Museum in München zu sehen. Live erleben kann man den Benz-Patentmotorwagen bei einem lohnenswerten Besuch der Bertha-Benz-Fahrt, einer Oldtimerveranstaltung zu Ehren der ersten Testfahrt, die Bertha Benz im Patentwagen mit ihren Söhnen ohne das Wissen ihres Mannes 1888 von Mannheim nach Pforzheim unternahm. Die nächste Ausfahrt ist für 2010, dem 122. Jubiläum der mutigen Probefahrt - geplant.


Weitere Informationen finden Sie unter folgenden Links:

Dr. Carl Benz Museum in Ladenburg
Deutsches Museum in München


Michaela Schloemann

 
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