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Die
Mille Miglia 1955 ging als eines seiner größten Rennen in der Historie
ein. Mit der Startnummer 722, vergeben nach der Startzeit um 7 Uhr
22, gingen Stirling Moss und Beifahrer Denis Jenkinson am Sonntag,
den 1. Mai 1955 im Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen in Brescia
an den Start. Um 17 Uhr 29, also nach exakt zehn Stunden, sieben
Minuten und 48 Sekunden, überquerten sie die Ziellinie und
stellten damit den bis heute gültigen Streckenrekord über
die 1000 Meilen auf - Durchschnittsgeschwindigkeit: 157,65 km/h.
Ein großer Erfolg für den 25-jährigen Rennfahrer
Moss. In den 15 Jahre seiner aktiven Rennkarriere sammelte er Siege
um Siege, wurde jedoch nie Formel 1-Weltmeister. In den 50er Jahren
des 20. Jahrhunderts wurde er vier Mal Vizemeister, in den Jahren
1955 - 1957auf Mercedes, Maserati und Vanwall
VW5 jeweils hinter Juan Manuel Fangio und 1958 auf Cooper/Vanwall
mit nur einem Punkt Rückstand hinter seinem Landsmann Mike
Hawthorn. Von 1959 bis 1961 belegte er dritte Plätze in der
Gesamtwertung der Formel 1, in der er zwischen 1951 und 1961 bei
66 Starts insgesamt 16 Grand Prix-Siege feierte. Ein außergewöhnliches
Rennfahrerleben.
Der Sohn eines Zahnarztes wurde am 17. September
1929 in London geboren und wuchs buchstäblich mit Pferdestärken
auf, denn seine Familie war im Reitsport aktiv. Doch von dem Geld,
das er bei Reitturnieren gewonnen hatte, kaufte sich der 16-jährige
Stirling nicht etwa ein Pferd, sondern einen Rennwagen. Sein Vater
Alfred Moss, der selbst begeisterteter Amateur-Rennfahrer gewesen
war und 1924 bei den 500 Meilen von Indianapolis den 16. Rang belegt
hatte, hatte für diese Entscheidung zuerst kein Verständnis
und ließ den Rennwagen gegen ein Fahrrad eintauschen. Keine
echte Alternative für den jungen Heisssporn Stirling, der unbedingt
Autorennen fahren wollte.
Dass sein Sohn Sohn von diesem Ziel nicht abzubringen war, erkannte
Alfred Moss schnell und unterstützte ihn schließlich
nach Kräften. Dank seines Vaters, der ihm 1947 einen - wenn
auch schon betagten - BMW 328 kaufte, erfüllte sich Stirlings
Traum. Im März 1947 startete er bei seinem ersten Rennen. Ab
1948 fuhr er bei Formel 3-Rennen auf Cooper, später auf Kieft
und Beart (bis 1954). Schnell stellte sich der Erfolg ein - beim
berühmten Bergrennen von Prescott wurde er Vierter seiner Klasse,
sein erstes Langstreckenrennen gewann er direkt. Moss Ehrgeiz war
geweckt, er wollte noch höher hinaus. Ab 1949 jagte er im Cooper-JAP
100 Mk III nach Siegen und Bestzeiten. Nach Starts und Erfolgen
in der Formel 2 ab 1950, seinem ersten internationalen Erfolg mit
dem Gewinn der Tourist Trophy in Dundrod auf einem Jaguar XK 120
im selben Jahr und der Renn-Teilnahme im Tourenwagen- und Rallyesport
wollte Stirling Moss unbedingt in die Formel 1.
1953 klopfte Moss bei Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer an, doch
der riet ihm, erst einmal mehr Erfahrungen im Grand Prix-Sport zu
sammeln.
Ein Rat, den der junge Engländer befolgte. Als 1954 die neue
Formel 1 in Kraft trat und der Hubraum auf 2,5 l beschränkt
wurde, kaufte Alfred Moss seinem Sohn einen Maserati 250 F, mit
dem er bei den europäischen Grand Prixs starten sollte. Eine
gute Wahl des Vaters, wie sich beim GP von Spa herausstellte, den
Moss auf Platz drei beendete. Aufgrund weiterer Erfolge wurde Stirling
Moss noch 1954 ins Maserati-Rennteam geholt-- und fuhr beim Grand
Prix von Monza allen davon. Erst ein Bruch der Ölleitung stoppte
ihn, so dass Juan Manuel Fangio für Mercedes-Benz siegte. Doch damit
war für Moss der Weg nach Untertürkheim frei. Er sollte nach den
Vorstelllungen von Neubauer mit Fangio, Hermann und Kling ein schlagkräftiges
Rennteam bilden. Die Stuttgarter waren sowohl bei den Grand Prixs
mit dem W 196 aktiv als auch bei den Sportwagenrennen, in denen
der neu entwickelte 300 SLR seine Fähigkeiten ausspielen sollte.
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| Start Mille Miglia 1955 |
Moss und der 300 SLR - eine unschlagbare
Kombination, wie die spätere Bilanz von drei Siegen bei sechs
Starts zeigen sollte. Seine erste, höchst positive Erfahrung mit
dem Mercedes-Benz Rennsportwagen 300 SLR, den er im Jahr darauf
auch bei der Mille Miglia fahren sollte, machte Moss im Spätherbst
1954 auf dem Hockenheimring. Kurz darauf erhielt er den langersehnten
Vertrag als Mercedes-Werksfahrer,
der vom 1. Januar bis 12. Dezember 1955 galt. Als
Beifahrer für die Mille Miglia im Mai 1955 hatte sich,
fast etwas zufällig, der unerschrockene Motorsport-Journalist Denis
Jenkinson "beworben". „Jenks", wie Jenkinson allgemein
genannt wurde, wusste nach seinem Weltmeister-Erfolg 1949 als „Schmiermaxe"
auf Norton Seitenwagen und fünf vollen Gespann-Rennjahren in
Europa, was Rennen bedeuten.
Moss hatte sich bei verschiedenen Trainingsfahrten von den Qualitäten
seines Beifahrers überzeugt, und so schlossen die beiden für
die Mille Miglia einen Pakt, bei dem sich jeder auf den anderen
100-prozentig verlassen konnte nach dem Motto: „Mein Leben gegen
dein Leben." Aber konnte der Einsatz, das gegenseitige Vertrauen
und der absolute Wille zum Sieg etwas gegen die erfahrene und ortskundige
Konkurrenz ausrichten? Moss und Jenks kannten den Nachteil ihrer
mangelnden Erfahrung und hatten eine Idee, um den immensen Heimvorteil
ihrer Konkurrenten auszugleichen. Bei den Trainingsfahrten, mitten
im prallen Verkehr, mit Tempi bis zu 250 Stundenkilometern, hatte
Jenks Aufzeichnungen über Streckenverlauf, Gefahrenpunkte, Sprunghügel,
die Art der Kurven, den Straßenzustand und die möglichen Geschwindigkeiten
gemacht. Diese Informationen wurden sorgfältig abgetippt, gesammelt
und durch Zeichen und Symbole ersetzt, die nur Jenks und Moss verstanden.
Die Symbolik der Strecke wurde sorgfältig auf eine knapp fünf Meter
lange Papierbahn übertragen, die aufgewickelt und in ein wasserdichtes,
mit einer Glasscheibe versehenes Aluminiumkästchen gelegt wurde.
Über Knöpfe konnte der Motorsportjournalist die Papierbahn während
des Rennens dem Streckenverlauf entsprechend abspulen. Die 15 unzweideutigen
Handzeichen, die er und Moss abgemacht hatten, signalisierte Jenks
so in den Blickwinkel des Fahrers, dass er sich danach richten konnte,
ohne den Blick von der Straße wenden zu müssen.
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| Moss nach Mille Miglia-Sieg '55 |
Das System klappte vorzüglich, der bedingungslose Wille zum Sieg
und das gegenseitige Vertrauen kitzelt aus beiden das Optimum ihrer
Leistungsvermögens heraus. Der „722" war auf seinem Siegeszug über
die 1597 Kilometer von Brescia, über Pescara, Florenz, Bologna
nach Brescia nicht zu stoppen. Überglücklich feierten
Moss und Jenkinson den Gesamtsieg und den neuen Streckenrekord.
Dass sie damit Renngeschichte geschrieben hatten, wurde ihnen erst
viel später bewußt.
Die Saison 1955 war die erfolgreichste für
Stirling Moss, der nicht nur die Mille Miglia gewann, sondern auch
bei der Tourist Trophy und der Targa Florio erfolgreich war, sowie
beim 24-Std-Rennen von Le Mans in Führung lag, als es jedoch
zum Rückzug von Mercedes kam. Hinzu kamen viele zweite Plätze
bei Grand Prixs in Europa.
Nach dem Ausstieg von Mercedes aus dem Rennsport kehrte Stirling
Moss zu Maserati zurück. Mit dem weiterentwickelten 250 F siegte
Moss in Monaco und Monza. Ab 1957 war das Renn-As wieder in einem
englischen Wagen auf den Rennstrecken unterwegs - im Vanwall des
britischen Fabrikanten Tony Vandervell. Bereits im zweiten Jahr
holte das Team den Formel 1-Konstrukteurspokal. Zum Gewinn der Fahrerwertung
fehlte Moss nur ein Punkt. Dieses Mal nicht auf Fangio, der sich
1958 zur Ruhe gesetzt hatte, sondern auf seinen Landsmann Mike Hawthorn.
Nachdem sich Vanwall aus dem Motorsport zurückzog, startete
Moss in der Formel 1 für den Rennstall von Rob Walker. Seinen
letzten Formel 1-Sieg feierte Moss 1961 beim GP von Deutschland
auf dem Nürburgring im Walker-Lotus 18/21-Climax. Für
1962 stand eine erneute Veränderung an: Moss sollte einen Ferrari
pilotieren, der von Rob Walker an den Start gebracht werden sollte.
Doch die Pläne konnten nie in die Tat umgesetzt werden, nachdem
Stirling Moss im April 1962 einen schweren Unfall erlitt. Nach seinen
letzten Gesamtsieg am 4. Februar 1962 beim Warwick Farm 100 in Sydney/
Australien startete er am 23. April 1962 in Goodwood im Lotus 18/
24. In der St. Mary's Corner war der Lotus in der 36. Runde von
der Strecke abgekommen und fast im rechten Winkel in einen Erdwall
geprallt. Nach der monatelangen Genesung wurde Striling Moss klar,
dass er an die Zeit und Leistung vor dem Unfall nicht mehr anknüpfen
konnte. Er beendete seine Rennfahrerkarriere, in der mit 84 verschiedenen
Autotypen an 495 Motorsportveranstaltungen teilnahm, bei 366 das
Ziel erreichte und 222 gewann. Hinzu kommen 16 Pole Positions sowie
19 schnellste Runden bei Weltmeisterschaftsläufen.
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| Signierstunde der besonderen Art 2005 |
Bis heute ist Stirling
Moss ein gern gesehener Gast und harter Konkurrent bei Oldtimerrennen,
nicht zuletzt bei der Mille Miglia in "seinem" 300 SLR,
mit dem er 2005 ein ganz besonderes Jubiläum feierte. "Wir
werden uns [...] bei der Mille Miglia sehen, auch wenn es schwierig
zu realisieren ist, dass es das 50. Jubiläum meines Rennens
sein wird... wie die Zeit vergeht!" Ein Versprechen, das Moss
sehr gerne einlöste. Bei der Fahrzeugabnahme am 19. Mai 2005
um 14.00 Uhr signierte er den Siegerwagen von damals oben links
auf der Motorhaube: „We did it to together, many thanks and affection.
Ciao, Stirling Moss“ (Wir haben es zusammen geschafft, mit großem
Dank und Zuneigung, Ciao, Stirling Moss). Unter großem Beifall fuhr
er "seinen" SLR um 21.40 Uhr von der Startrampe und übergab
nach einer Ehrenrunde durch Bresia den Platz auf dem Fahrersitz
an Jochen Mass. Ein unvergessliches Erlebnis für die Renn-Größe
und die zahlreichen Zuschauer am Straßenrand.
Stirling Moss - ein unvergleichliches Leben für und mit dem
Rennsport, das die Königin von England im Jahr 1999 - kurz
nach seinem 70. Geburtstag - mit dem Titel "Sir" adelte.
Mehr zu Sir Stirling Moss erfahren Sie unter
www.stirlingmoss.com.
Michaela
Schloemann
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