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Der Quer-Denker - Walter Röhrl bei der Targa Tasmania 2000
Eine Lehrstunde für alle Rennfahrer.

Bis ein Teil des Schaltgestänges brach, lag Walter Röhrl mit dem Porsche 356 GT bei der Targa Tasmania überlegen in Führung. Walter Röhrl: „Ich hasse es, Zweiter zu werden".
Bei der Targa Tasmania, dem schnellsten und längsten Straßenrennen der Welt bestand diese Gefahr für den Doppelweltmeister zu keinem Zeitpunkt. Sechs Tage lang lag er in Führung, dann warf ihn ein kleiner Defekt am Schaltgestänge zurück auf Rang 109.

„Ist die Targa nicht toll?", sagt Paul Freestone, „wir können in einem Wettbewerb mit Leuten wie Walter Röhrl fahren". Freestone lag in den letzten Jahren der Targa Tasmania mit einem Austin Healey immer in der Spitzengruppe der Wertung für klassische Fahrzeuge. Und Chancen hat er sich auch im Jahr 2000 ausgerechnet. Trotz eines Walter Röhrl. „Auf den Bergaufpassagen ist unser Motor stärker als der des Porsche", prognostiziert Freestone. „Und wenn es bergab geht, können wir unsere Scheibenbremsen nutzten. Es dürfte ein feiner Kampf werden".
Nach einigen Tagen kommt Freestone wieder. „Wie macht der Walter das bloß?" fragt er angesichts von Röhrls Sonderprüfungszeiten. Die Favoriten aus Australien haben längst realisiert, dass sie allenfalls Zweite werden können. Walter Röhrl fährt in einer anderen Liga. Und seine Konkurrenten fragen Abends immer wieder Röhrls Beifahrer, was der heute von den Fahrkünsten des großen Meisters zu berichten hat. Geschichten wie jene vom Bahnübergang der Sonderprüfung Lylydale werden von Fahrer zu Fahrer weiter. Peter Fitzgerald, der 1998 und 1999 die Wertung für klassische und moderne Fahrzeuge jeweils auf Porsche gewann, hatte das Porsche-Team aus Deutschland eindringlich gewarnt: „Passt bei dem Bahnübergang in Lylydale sehr auf, der ist brutal. Wenn ihr zu schnell seid, reißt es euch die Vorderachse heraus". Walter Röhrl hört die Warnung noch einmal über die Gegensprechanlage, als der Bahnübergang nach einer Bergabpassage bei Tempo 160 ins Blickfeld gerät. Röhrl bremst lange nicht. Dann ein kurzer Tritt aufs Pedal, der Wagen stellt sich leicht quer, kaum später springt er über die Geleise. Röhrl später: „Wenn ich hart bremse und mit zwei Rädern gleichzeitig bei eingefedertem Wagen auf die Schienen treffe, dann kracht's". Röhrls Rezept: „Durch das Querstehen und dem Loslassen der Bremse springt ein Rad nach dem anderen über das Hindernis, das tut dem Auto überhaupt nicht weh". Zusatz: „Macht das nicht jeder so?" Peter Fitzgerald schüttelt Röhrl die Hand: „Danke Walter, ich werde das üben".

Der kleine Porsche aus dem Stuttgarter Museum bietet allerfeinste Technik. Mit einer Einschränkung. „Wir können die Autos nur so an den Start bringen, wie sie früher gebaut worden sind", erklärt Klaus Bischof, der Leiter des Porsche Museums. Das heißt, der Porsche 356 Carrera GT darf mit keinem Technikhighlight ausgerüstet werden, das es nicht vor 40 Jahren schon gab. Mehr als 175 PS bei nur 860 Kilogramm Gewicht sind nicht schlecht. Nach einigen Änderungen an den Stoßdämpfern ist Röhrl auch mit dem Fahrverhalten des Porsche zufrieden. Weniger gefallen ihm die Trommelbremsen. Ihr Nachlassen nach wenigen harten Bremsmanövern ist selbst mit der Nase auszumachen. „Ich muss aufs Pedal treten wie ein Ochs. Brutal. Mir tut schon das Knie weh", meint Röhrl einmal. Tatsächlich sieht eine Trommel nach drei Wettbewerbstagen nicht gut aus. Mechaniker von Porsche Australien bauen über Nacht bei einem Oldtimer eine Bremstrommel aus, der in Melbourne im Schaufenster steht. Per Luftfracht wird das Teil eingeflogen und noch vor dem Start am nächsten Morgen eingebaut.

Röhrl ist gerne bereit, über seine Gabe zu reden, ein Fahrzeug im schmalen Grenzbereich der Physik bewegen zu können. „So schnell kannst du nur fahren, wenn du dich im Kopf wochenlang darauf vorbereitest", sagt Röhrl einmal. „Selbst bei einer flotten Probefahrt auf dem Nürburgring kann ich nicht mit so viel Einsatz fahren. Deswegen können so eine Fahrt nur jene wenigen erleben, die im Wettbewerb neben mir im Auto sitzen". Röhrl schweigt eine Weile. Dann der Satz: „Selbst der Körper stellt sich um. Zu Hause muss ich nie eine Stunde nach dem Aufstehen schon zum zweiten Mal pinkeln".

Tasmanien ist dünn besiedelt, sehr dünn. Auf einer Fläche der Größe Bayerns und Baden-Württembergs zusammen wohnen etwas mehr als eine halbe Million Menschen. Viele Dörfer sind durch vorzügliche Asphaltstraßen verbunden. Sie werden für die Rallye ganz einfach gesperrt. Die Leute freuen sich über etwas Abwechslung. Und sie haben Zeit. Stunden sitzen sie auf Klappstühlen, Decken oder gar Motorhauben ihrer am Straßenrand geparkten Autos, um dem Rallyetross zuzusehen und zuzuwinken.

Walter Röhrl nimmt mehr wahr als andere. Ständig wandert sein Blick zur Windschutzscheibe hinaus, er saugt Informationen auf. Selbst dann, wenn er nur Beifahrer im ganz normalen Straßenverkehr ist. Sein Orientierungssinn beschämt seine Begleiter. In Launceston findet er nachts bei tiefer Dunkelheit das gesuchte Restaurant Canton. Seine Begleiter waren schon dreimal jeweils für Tage in der Stadt, Röhrl kennt deren Straßen nur von einer Fahrt vom Fahrerlager ins Hotel. Als Röhrls Beifahrer am Tag nach dem Rennen bei lokalen Fotografen einen Stapel Fotos abholt, sagt er, bevor er einen Blick darauf wirft: „Schade, dass keine Drifts darauf zu sehen sind". Die verblüffte Frage: „Woher weißt du das denn?" Antwort: „Ich habe gesehen, dass Fotografen nur an engen Ecken gestanden sind". Röhrl erklärt: „Früher hättest du dich irgendwo an eine Sonderprüfung hinstellen können, ich hätte dich auch bei vollem Tempo immer gesehen". Heute, mit 53 Jahren, glaubt Röhrl, dass sich seine Augen mehr auf die Fahrbahn konzentrieren. „Aber das Feuer ganz innen ist dasselbe wie vor 30 Jahren", betont er. Ein Stadtkurs mit genau 22 ganz verschiedenen Kurven darf jeder nur einmal langsam abfahren. Als es gegen die Uhr geht, braucht der Fahrer keine Informationen aus dem Roadbook. Röhrl kennt die 4,7 Kilometer auswendig. „Auf der Rundstrecke zu fahren ist wie Mathematik", sagt ein anderes mal. „Du probierst so lange, bis du genau weißt, wo du bremsen musst und wie schnell du durch eine Kurve fahren kannst und dann setzt du ganz einfach alle Parameter zu einer schnellen Runde zusammen". Röhrl sieht in vielen Rundstreckenpiloten gute Rennfahrer, echte Klasse vermitteln sie ihm nicht.

In Expertenkreisen wird Walter Röhrl nicht selten auf eine Stufe mit Ayrton Senna als schnellsten Mann auf vier Rädern der letzten zwanzig Jahre gestellt. 1987 fuhr er seinen letzten Rallye-WM-Lauf, seit einigen Jahren ist Röhrl bei Porsche unter Vertrag. Als eine Art Botschafter, Wettbewerbe fährt er nur noch ganz selten. Verlernt hat er dennoch nichts.

The „Sideling". Für viele die schönste Sonderprüfung der Targa Tasmania. 15 Kilometer, erst bergauf, dann eine lange Gerade, dann wieder den Bergkamm hinunter. Es ist feucht beim Start. Der kleine Porsche fährt kaum einmal geradeaus. Die Zuschauer hüpfen vor Begeisterung hoch, als Röhrl vollkommen quer um die Ecken kommt. Einmal bezieht ein ganzes Schotterfeld in die Ideallinie mit ein. „Wenn da ein großer Stein gewesen wäre", ruft ihm sein Beifahrer zu. Röhrl ganz ruhig: „Da war keiner, das hab' ich doch gesehen". In einer Bergabpassage treibt er es so wild, dass sich der Wagen dreht. Ein Fluch ist im Helm zu hören, „der Lenkeinschlag ist ja wie bei einem Lkw. Er hat nicht ausgereicht, um den Drift zu kontrollieren". Zweimal kurz zurückstoßen. Dann stürzt sich der Porsche hinunter ins Ziel. Trotz des kleinen Missgeschicks klare Bestzeit.

Wieder hören die Gegner die Erklärungen: „Die Schnauze des Wagens muss vor der Kurve dahin ausgerichtet sein, wohin sie nach der Kurve zeigen soll. Dann kurz vom Gas, der Wagen bricht aus. Mit schnellen Gasstößen werfe ich den Wagen um die Kurve. Das Lenkrad bleibt weitgehend unbewegt", Ende der Erklärung. Oder doch nicht? Ein kleines Lächeln ist zu erkennen: „Autofahren beginnt für mich dort, wo ich den Wagen mit dem Gaspedal statt dem Lenkrad steuere. Alles andere heißt nur die Arbeit machen".

Die sportliche Entscheidung verspricht Cethana zu werden, 38 Kilometer über zwei Bergkämme hinweg und zwei Täler hindurch. Es regnet heftig - Röhrlwetter. Ein Streckenposten ruft am Start in den kleinen Porsche: „Acht Autos von der Straße abgekommen. Nichts ernstes passiert. Öl bei Kilometer 16 und 29". Die Scheibenwischer bewältigen die Fluten nicht. Von innen beschlägt die Scheibe des Porsche. Mit einer Hand wischt Röhrl mit einem Fensterleder. Die Zuschauer denken wohl, dass der Mann winkt. Mit der anderen schaltet er, lenkt er, betätigt ab und zu den Scheibenwischer. In Abständen von 30 Sekunden wird gestartet. Acht Gegner überholt der Porsche auf der Strecke. Darunter auch den mittlerweile härtesten Verfolger, einen Drei-Liter-Marcos des Baujahres 1969. Mergozzi-Shoen können in der Gischt nicht folgen. Ihr Tempo erhöhen sie dennoch. Ein paar Kilometer später rutschen auch sie von der Strecke. Kein großer Schaden, aber der Marcos ist aus dem Rennen, während Röhrl nicht Sekunden, sondern Minuten zwischen sich und die Gegner legt und hinsichtlich der Zeiten mit dem 40 Jahre alten Porsche klar in den Top Ten der modernen Fahrzeuge liegt. Das einmal mehr geschlagenen 911 GT3-Team Burke/Kimber lässt sich die Teilnehmerausweise von Walter Röhrl signieren…

Wieder eine Analyse auf der Transportetappe. Frage des Beifahrers: „Walter, in einer Linkskurve nah am Abhang hast du einmal gleichzeitig gebremst und Gas gegeben. Warum?" Erklärung: „Ich habe gemerkt, dass der Porsche über die Vorderräder zu schieben beginnt. Also habe ich mit meiner Fußspitze die Bremse angetippt, während ich mit der Ferse voll auf dem Gas geblieben bin. Dadurch federt der Wagen vorn leicht ein, die Vorderräder erhalten mehr Haftung. Mit der Ferse habe ich das Gas kurz gelupft, damit das Heck durch den Lastwechsel instabil wird und nach außen drängt. Mit fein dosiertem Gasgeben habe ich es dann eingefangen. Durch festeres Bremsen hätten wir nur Zeit verloren". Frage: „Walter, wie schnell waren wir denn dort?" Kurze Antwort: „Um die 160 schon". Einige Kilometer später sagt Röhrl noch: „Weißt du, das alles muss intuitiv ablaufen, wenn du erst überlegen musst, was zu tun ist, ist es schon viel zu spät".

Später an diesem Nachmittag auf einer sehr schnellen Prüfung plötzlich der Ausruf: „Es ist vorbei, es ist vorbei". Leerlauf. Kein Gang lässt sich mehr einlegen. Der Schalthebel dreht sich widerstandslos wie ein Kochlöffel in der Nudelsuppe. Am Straßenrand liegt der große Walter Röhrl 30 Minuten lang unter dem kleinen Porsche und versucht, im peitschenden Regen das Schaltgestänge dazu zu bewegen, einen Gang einzulegen. Vergebens. Eine Führung dieses Gestänges war innerhalb des Getriebes gebrochen. Obwohl alles verloren ist, bauen Klaus Bischof, Porsche-Betreuer Hermann Rüttger und drei Mechaniker von Porsche Australien unter Leitung von Warwick McKenzie nachts in einem Parkhaus Motor und Getriebe aus. Sie lassen das defekte Teil schweißen und setzen den Porsche wieder zusammen. „Ein Ermüdungsbruch, der nichts mit der Fahrweise zu tun hat", registriert Klaus Bischof. Walter Röhrl: „Über all sonst hätte ich mit zwei Stunden Rückstand aufgegeben. Aber wegen der tollen Leistung dieser Crew fahren wir weiter".

Wieder fährt Röhrl lauter Bestzeiten, wieder reißt der Porsche Zuschauer von den Sitzen. Doch mehr als eine Verbesserung von Platz 118 auf Platz 109 ist nicht möglich. Paul Freestone: „Zu schade, dass ihr so weit zurück gefallen seid. Ich wäre zu gerne hinter Walter Röhrl Zweiter geworden". Pech hat auch er, Elektrikprobleme werfen Paul und Christine Freestone auf Rang neun zurück. Sieger werden Browne/Plenderleith auf einem 69-er Lancia Fulvia 1.6 HF. In der modernen Klasse sieht zwei Targa- und Porsche-Spezialisten vorn. Jim Richards/Barry Oliver gewinnen überlegen auf einem Porsche 911 GT3 vor den Vorjahressiegern Peter Fitzgerald/Michael Mansour. Michael Stoschek/Maximilian Stoschek werden Porsche Turbo 14. „Wir wollen Walter Röhrl im GT3 sehen", fordern Porsches australische Mechaniker. Jim Richards trockener Kommentar: „Wenn Walter im Feld der modernen Fahrzeuge gegen uns fährt, setze ich ein Jahr aus".

Von Michael Petersen

 

 

 
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